M(ein) Selbstversuch: 30 Tage – 30 Geschenke

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Alle Jahre wieder das leidige Thema: Geschenke. Wer freut sich über was? Wann macht ein Geschenk überhaupt Freude? Ich habe mir die Höchstdosis verordnet: 30 Geschenke für  30 Menschen in 30 Tagen. Vorsicht: Die Wirkungen und Nebenwirkungen dieses Versuchs könnten die Auswahl Ihrer Weihnachtsgeschenke beeinflussen!

Ich wollte es wissen: Verabreiche ich meinen unglücklichen Klienten nur ein Placebo, wenn ich ihnen empfehle, ANDEREN eine Freude zu machen, damit sie sich selbst besser fühlen?! Oder macht Schenken wirklich glücklich? Jetzt weiß ich’s: Schenken tut gut. Je mehr, desto besser.

Dabei reicht es, unübliche Kleinigkeiten in ungewöhnlichen Situationen zu tun, um herrlich lebendige Momente zu erleben: Am Kiosk den Hintermann in der Warteschlange überraschend zum Eis einladen. Den jungen Mann in Anzug und Krawatte, der durch die Straßen rennt, weil er zu spät dran ist, auf dem Rad zu seinem Abschlussball im Kuppelsaal mitnehmen. 2 Euro im Parkscheinautomaten liegen lassen und beobachten, wer sich darüber freut.

Die Wissenschaftler nennen dieses Phänomen das „helpers high“, die simple Tatsache, dass sich auch der gut fühlt, der etwas Gutes tut. Nicht nur der, dessen Leben mit einem Geschenk bereichert wurde.

Aber ist ein Geschenk wirklich immer eine Bereicherung? Ganz und gar nicht. Das weiß ich spätestens, seit mir meine Mitschüler zum 13. Geburtstag scheinheilig ein hübsch verpacktes Geschenk überreicht haben, aus dem sich vor knapp 60 neugierigen Augen ein XXL-BH herausschälte. Oder denken Sie an die Waage, die der unbedarfte Ehemann seiner Frau schenkt, weil die alte neulich den Geist aufgegeben hat…

Ein Geschenk kann auch eine Belastung sein. Es kann beleidigen oder demütigen, beschämen, überfordern oder verletzen. Geschenke sind verpackte Botschaften: im besten Fall ein „Ich habe an Dich gedacht“ oder „Ich möchte Dir eine Freude machen“. Aber vielleicht lässt das Geschenk wie in den Beispielen auch Fragen aufkommen: Was möchte mir der Schenkende damit sagen? Für wen hält er mich? Und sich?

Jedes Jahr schenken die Deutschen im Wert von rund 27 Mrd. Euro. In Geschenkverpackungen, die weitere 2 Mrd. Euro kosten. Allein 2013 lagen laut GfK geschätzte 3,3 Mrd. Euro unter den Weihnachtsbäumen, weitere 1,4 Mrd. in Form von Gutscheinen. Ebay hatte schon vor dem Fest errechnet, dass uns Deutsche ungeliebte Geschenke im Wert von 617 Mio. Euro erwarten.

Wie geht man mit so einem unerwünschten Geschenk um? Der Hannoversche Promi zeigt mir, wie es ohne Federlassens gehen kann: Er freut sich über meine Idee, würdigt die Gedanken, die ich mir gemacht habe, bittet mich um eine Nacht Bedenkzeit und erklärt mir am nächsten Tag, aus welchen Gründen er das Geschenk trotzdem nicht annehmen möchte: Er will nicht in der Presse erscheinen, erst recht nicht mit Foto.

Die Enttäuschung bleibt mir leider nicht erspart, mein Fluchtreflex und Schamgefühl werden aktiv. Aber je länger sich der Herr so freundlich mit mir auseinandersetzt, desto leichter wird die Absage erträglich und das Telefonat zuletzt noch richtig nett. So nett, dass ich es wage, am nächsten Morgen doch noch mein Geschenk abzuliefern. Ohne Übergabe vor laufender Kamera. Und damit erst wirklich als Geschenk.

Wahrscheinlich kann man nie sicher sein, dass ein Geschenk Freude bereitet. Das wird an jedem einzelnen Tag meines Experiments deutlich. Sich in den anderen und seine Situation einzufühlen und etwas über seine Interessen, Eigenarten und Sehnsüchte zu wissen, hilft bei der Geschenkauswahl. Aber wie der Beschenkte meine Gabe letztlich aufnimmt, hängt auch von vielen anderen Faktoren ab, die nicht in meinem Einflussbereich liegen. Diese Ungewissheit braucht Mut.

Sie macht aber auch aufregendes Kribbeln im Bauch. Wie an dem Tag, als ich in der Fußgängerzone zwei Lieblings-Bestsellerromane verschenken möchte. Große Vorfreude, die jäh erschüttert wird: Die erste Angesprochene würdigt mich keines Blickes, näselt „So etwas ist nichts für mich!“ und lässt mich links liegen. Wow, dieses Gefühl kannte ich noch nicht. Prompt zittern mir die Knie und das Herz schlägt heftig. Es braucht ein paar Minuten, bis ich meine Freude am Schenken wiedergefunden habe und es wage, eine andere Dame im Café anzusprechen. Sie freut sich: „Das ist ja ungewöhnlich! Ich lese die Bücher gerne. Aber nur, wenn Sie einen Tee mit mir trinken…!“

Klar ist, dass es nicht immer ein Ding sein, einen bestimmten Wert haben und toll aussehen muss, was man verschenkt. Der Bettler mit dem Schild „Ich habe Hunger“ macht sich freudestrahlend über den Snack her, den ich ihm beim Bäcker besorgt habe. Das selbst zubereitete „Essen auf Rädern“ ermöglicht der frischgebackenen Mutter eine kleine Portion Luxus. Ein Lächeln und die Aussage „Das Leben ist schön, finden Sie nicht auch?“ bereiten Freude und eröffnen ein inspirierendes Gespräch. Die erlassene Rechnung meiner Coaching-Sitzung hat dagegen enttäuschend wenig Effekt.

Willkommen im post-materiellen Geschenke-Zeitalter! Realistische Wünsche erfüllen wir uns im Alltag meist selbst. Wer wüsste auch besser, wie wir es gerne hätten? Aber die heute wirklich kostbaren Dinge sind: Zeit, Miteinander, Menschlichkeit und individueller Luxus. Das kann man nicht schenken? Doch! Verschenken Sie doch mal eine Stunde Hilfe bei einer unangenehmen Tätigkeit (Unkraut jäten, Kisten schleppen, Umzug). Oder schreiben Sie einen Brief, in dem Sie ausdrücken, was Sie am anderen wertschätzen. Oder laden Sie ein zu Ihrer individuellen Sightseeing-Tour, in der Sie einem Freund Ihre Lieblingsplätze der Stadt zeigen.

Amerikanische Studien zeigen, dass Menschen, die sich für andere einsetzen, länger und gesünder leben. Angeblich lässt sich berechnen, dass sich das Unterstützen von anderen positiver auf die eigene Lebenserwartung auswirkt als vier wöchentliche Workouts oder regelmäßige Kirchenbesuche. Wenn das stimmt, wäre es fast genauso gesundheitsfördernd wie mit dem Rauchen aufzuhören. Also: Schenken Sie!