Freunde sammeln wie Bonusmeilen?

sozialenetzwerkefoto

– Freundschaften in der Generation facebook: Ein Interview.

Warum ich dafür plädiere, Freunde als „Energieversorger“ zu nützen; was sich verändert, wenn uns online-Freundschaften wichtiger sind als offline-Beziehungen; und warum ich echte Freundschaften jedem als „lebensverlängernde Maßnahme“ ans Herz legen möchte, all das können Sie in diesem Interview nachlesen.

Frau Meyerhoff, Sie appellieren dafür, Freunde als „Energieversorger“ zu nützen! Wie ist das gemeint?

Ganz einfach: Wir Menschen ziehen aus tragfähigen Freundschaften vieles, was unser Leben bereichert, uns geborgen und zu jemandem zugehörig fühlen lässt und uns stark macht für den stressigen Alltag: Aufmerksamkeit, Anerkennung, Unterstützung, Lebendigkeit und vieles mehr.

Insofern sehe ich Freundschaften als „regenerative Energiequellen“, aus denen wir Energie abzapfen können, so viel wir wollen. Zum Nulltarif! Und ganz wichtig: Diese Ressource wächst immer weiter nach und steht damit unbegrenzt zur Verfügung!

 

Rufen Sie damit nicht zu einer ziemlich egoistischen und ökonomisierten Haltung auf?

Nein, ganz im Gegenteil. Freundschaften in der Intensität und Intimität, die ich meine, beruhen immer auf Gegenseitigkeit. Sie können nur entstehen und vor allem be-stehen, wenn sich zwei Menschen in ihrer Einzigartigkeit begegnen, zusammen die gemeinsame Schatztruhe füllen und sich frei von Zweck- oder Nutzenüberlegungen einander verbunden fühlen.

 

Eltern sind heute die „besten Freunde“ ihrer Kinder. Vorgesetzte gehen „freundschaftlich“ mit ihren Mitarbeitern um und wir haben in facebook mehr „Freunde“ als wir überblicken können. Hat da Freundschaft überhaupt noch den Stellenwert, den Sie ihr zuweisen?

Das ist eine interessante Frage, die mich sehr beschäftigt. Tatsächlich hat sich das Konzept von Freundschaften zeitlebens verändert. Jede Generation fürchtet, dass die nächste Generation keine „echten“ Freunde mehr haben wird.

Und trotzdem gibt es etwas, das immer wieder überdauert hat: Das Bedürfnis des Menschen nach Zugehörigkeit, Vertrautheit und Geborgenheit ist so existenziell wie das Grundbedürfnis nach Nahrung und körperlicher Unversehrtheit!

Und hier stellt sich in der Tat die Frage, ob und wie Freundschaften in den neuen Medien, in facebook & Co., dieses Bedürfnis überhaupt befriedigen können. Immerhin mehren sich Studien, die belegen, dass sich die Menschen nie so einsam gefühlt haben wie heute, obwohl wir so gut miteinander vernetzt sind wie nie zuvor…!

 

Sind wir also mit unseren 200 facebook-Freunden gemeinsam einsam?

Langsam, langsam.

Erstmal bieten uns die sozialen Netzwerke eine ganze Reihe bisher ungekannter Möglichkeiten, um uns rund um die Uhr mit Menschen in aller Welt verbunden zu fühlen. Auch der tägliche Kontakt mit unseren Liebsten wird u.U. intensiviert in Bereichen, in denen wir ohne Smartphones und Internet früher (zumindest zeitweise) voneinander abgeschnitten und alleine waren.

Gleichzeitig ist nicht zu übersehen, dass die Allgegenwärtigkeit und Selbstverständlichkeit dieser noch jungen Medien schon jetzt Rückwirkungen auf die Qualität des gegenseitigen Austauschs hat. Beispielsweise verkürzen sich Nachrichten extrem und verlieren dabei zusehends an Tiefe. Persönliche Kommunikation bekommt weniger Raum und Zeit in unseren Leben. Wir treffen an öffentlichen Plätzen aufeinander, sitzen in Gruppen zusammen, sprechen aber nicht mit den Anwesenden, sondern kommunizieren über Smartphones mit Abwesenden! Wir sind anwesend und doch nicht anwesend.

 

Was heißt das ganz praktisch für die Freundschaften der Generation facebook?

Zunächst heißt es, dass wir unsere Freunde überall mit hin nehmen können. Wir sind nirgendwo mehr allein. Wir sind überall erreichbar und immer in Wartestellung. Wir wissen zu jeder Tages- und Nachtzeit alles über den anderen. Wir sind immer im Kontakt. Aber auch immer unter Druck, erreichbar sein und schnell antworten zu müssen. Für Stille ist da nur noch extrem selten Platz.

Wir sind zum Multitasking gezwungen, zu Abkürzungen: Manchmal reicht ein Buchstabe für ein Wort, emoticons (smileys etc.) stellen komplizierte Gefühle einfach dar. In der unendlichen Castingshow der sozialen Netzwerke stellen wir uns dar, wie die anderen uns sehen sollen.

Persönliche Begegnungen werden zu Stress, weil man spontan formulieren muss und in Mimik und Gestik Dinge verrät, die hinter dem Bildschirm verborgen bleiben können. Oft unterbleiben persönliche Begegnungen auch ganz, weil wir unsere Zeit hauptsächlich im web verbringen.

 

Sind online-Freundschaften also oberflächlich und flüchtig?

Wie so oft im Leben liegt auch hier die Antwort irgendwo zwischen den Extremen: Online-Freundschaften brauchen definitiv Offline-Begegnungen, um zu tiefen und tragfähigen Beziehungen reifen zu können.

Gleichwohl ist nicht zu unterschätzen, dass auch facebook-Freunde ein soziales Netz bilden, das etliche Belastungen des Alltags abfedern kann. Ich denke, für jeden ist es wichtig, eine Handvoll Freunde zu haben, die ganz real Wärme spenden können, wenn der Wind mal etwas rauer weht. Mit ihnen sollten wir möglichst viel Raum für möglichst intensive Begegnungen schaffen. Ob wir dabei zur Verabredung telefonieren oder uns auf facebook treffen, ist Geschmackssache…!

 

Warum beschäftigt Sie dieses Thema, Frau Meyerhoff?

Weil ich in meiner Praxis als Personal Coach fast jeden Tag an die ungeheure Bedeutung von wirklich intensiven Freundschaften erinnert werde.

Ich treffe hier auf Menschen unterschiedlichsten Alters, die sich in schwierigen Lebenssituationen fühlen, als trieben sie völlig haltlos einen tobenden Fluss abwärts.

Immer wieder sind es die realen, tiefen Freundschaften, die diesen Menschen den „Baumstamm“ bieten, an dem man sich festklammern und wieder Halt finden kann. Über die Treppen dieser Freundschaften bekommen verunsicherte Menschen wieder festen Boden unter die Füße und können ihren Weg entweder wiederfinden oder neu aussuchen.

Online-Freundschaften erscheinen im Vergleich dazu in den Gesprächen mit meinen Klienten häufig nur als „Strohhalme“: Sie bieten zwar generell die Chance, Nahrhaftes in kleinen Schlucken aufzunehmen. Aber leider sind die Inhalte häufig zu sperrig, um überhaupt durch das enge Rohr zu passen. Und außerdem verstopfen die Halme auch häufig und liegen dann einfach ungenutzt zuhause herum… 😉